Gerhard Mester, Thomas-Nast-Preis 1992
»lch habe Thomas , leider nicht persönlich kennen gelernt. Ich hätte mich gern in seinen Dienst gestellt. Und von ihm gelernt.

Vielleicht hätte ich von ihm erfahren können, wie man es anstellt, als Karikaturist Spuren zu hinterlassen, was eine Zeichnung braucht, damit sie wirklich etwas bewegt.

Es wird oft behauptet, Karikaturisten seien gefürchtete Kritiker der Machtinhaber, unbeugsame Robin Hoods im Blätterwald. Wir sind es nicht.

Vielleicht waren wir es einmal. Als Lucas Cranach zu Zeiten der Bauernkriege, als Honore Daumier im Kampf für bürgerliche Freiheit in Frankreich, oder als Thomas Nast, der seinen Intimfeind 'Boss' Tweed gehörig ins Schwitzen brachte.

Heute sammeln die Mächtigen eher die Blätter, die sie verspotten, als dass sie sie fürchten.

Sind wir Zeichner zu brav geworden? Vielleicht. Fehlt den Chefredaktionen der Mut, parteiische Karikaturen zu veröffentlichen? Mag sein. Vor allem aber ist die Öffentlichkeit durch Kabel, Satellit und Multimedia so bildersatt, dass auch die denkbar schärfste und treffendste Karikatur kaum mehr eine Reaktion auszulösen vermag.

Ich nehme an, auch der große alte Thomas Nast, lebte er in unseren Tagen, müsste diesem Umstand Tribut zollen. Und er könnte mir nicht erklären, wie man zeichnen muss, um etwas zu bewegen.

Das ist traurig. Und dennoch zeichnen wir Heutigen weiter unsere Karikaturen. Weil wir erstens Geld verdienen müssen. Weil wir zweitens so eitel sind, dass wir unsere Zeichnungen gerne gedruckt sehen. Weil uns drittens das Zeichnen Freude macht. Und viertens manchmal auch, weil etwas unbedingt heraus will, was uns bedrückt oder ärgert, auch wenn wir es mit dem Zeichenstift nicht zu ändern vermögen.

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